Thomas Winkelhock

Der Paukenschlag dröhnte zehn Tage nach dem Motor Klassik-Termin: Thomas Winkelhock, im November vergangenen Jahres neben dem Burgenhausener Fritz Kreuzpointner als Mercedes-Junior für die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft vorgestellt, wurde aus AMG-Diensten entlassen. Der Grund: Laxe Arbeitsauffassung und und unzureichende körperliche Fitness.

Zumindest beim Motor Klassik-Dante auf dem Hockenheimring, fünf Tage vor seinem letzten AMG-Einsatz auf dem niedersächsischen Flugplatzkurs von Wunstorf, bewies der 22-jährige Waiblinger Pünktlichkeit, Einsatzbereitschaft und ein fast überschäumendes Temperament am Steuer.

Neben seinem Renn-Tourenwagen vom Typ Mercedes-Benz 190 E 2.6-16 Evolution, Mercedes Tuning der besonderen Art, weiß lackiert und mit den zahlreichen Aufklebern der verdienen Sponsoren versehen, stand auch dessen älterer Bruder bereit, mit dem die Schwaben vor fast 30 Jahren auf dem internationalen Parkett Erfolge einheimsten, also ein echter Mercedes Oldtimer.

Der 300 SE, seinerzeit Flaggschiff der ‘Heckflossen’-Ära der 60er Jahre, fuhr 1962 und 1963 bei Veranstaltungen wie der Argentinien-Rallye , der Rallye Akropolis in Griechenland oder der Polen-Rallye um den Sieg mit.

Als Rennleiter wachte damals Karl Kling über die Einsätze, , der sieben Jahre zuvor erfolgreich mit dem W 196-Grand Prix-Rennwagen der Stuttgarter neben Juan Manuek Fangio und Stirling Moss gestartet war und gleich bei seiner GP-Premiere am 4. Juli 1954 den zweiten Platz hinter dem Argentinier belegte. Eine besondere Leistung aus dem Bereich Mercedes Tuning.

Acht Jahre später fuhr Mercedes Oldtimer drei Klassen tiefer um motorsportliche Ehren. Als Fahrer stiegen der Stuttgarter Hotelier Eugen Böhringer und der damals blutjunge Dieter Glemser in die blau lackierten und luxuriös ausgestatteten Rallye-Heckflossen vom Typ 300 SE, ein besonderes Exemplar aus dem Bereich Mercedes Tuning.

Glemser, am 28. Juni 1938 geboren, zählte zu beginn seines Daimler-Engagements gerade 24 Lenze – und das bedeutete damals mindestens eben soviel, wie 1990 als 22 jähriger für die Firma mit dem Stern fahren zu dürfen. Kling war auf den schnellen Stuttgarter aufmerksam geworden, als dieser seinen privat eingesetzten Porsche Carrera bei der im Frühjahr 1962 veranstalteten Rallye Lyon-Charrebonieres auf den zweiten Gesamtplatz hetze. Wenige Wochen später durfte sich Glemser, dessen Eltern einen florierenden Gärtnereibetrieb in Stuttgart-Mühlhausen betrieben, Mercedes-Benz Werkfahrer nennen. Heute erinnert er sich gerne an seine Zeit in diesem Mercedes Oldtimer.

‘Das war damals wie heute natürlich etwas ganz besonderes’, erinnert sich der heute leicht grau melierte Glemser ‘die Erinnerung an die großartigen Erfolge von 1954 und 1955 waren ja Anfang der 60er Jahre noch in bester Erinnerung, und als so junger Bursche wie ich es damals war, von Mercedes verpflichtet zu werden – das war schon etwas Außergewöhnliches.” Außer Mercedes Tuning brachte kaum einer solche Autos auf die Fahrbahn.

Glemser bewies rasch, das Kling, den richtigen Riecher gehabt hatte: Gleich beim ersten Einsatz für Mercedes bei der Akropolis-Rallye, wuchtete er den über anderthalb Tonnen schweren 300 SE auf den fünften Gesamtplatz, eine echte Leistung für den heutigen Mercedes Oldtimer.

Die Gegner die vor dem Start den jungen Mann aus Stuttgart in seinem Mercedes Oldtimer kaum beachteten, und sich höchstens darüber wunderten, wie zurückhaltend und freundlich der junge Mann aus der Schwaben-Metropole auftrat, mussten sich damit abfinden, das hier ein neuer, ernstzunehmender Konkurrent heran wuchs, der auf der Piste höllisch Gas geben könnte.

Bei der Argentinien-Rallye, ebenfalls noch 1962, fuhr Glemser gar auf den zweiten Gesamtplatz – Ein Erfolg den er im darauf folgenden Jahr wiederholen konnte.

Aber nicht nur auf staubigen Rallye-Pfaden lehrte Glemser die Konkurrenz das Fürchten – auch auf der Rundstrecke, trieb er, gemeinsam mit Böhringer, den schweren 300 SE zu bemerkenswerten Erfolgen. Herausragend war dabei der Sieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, wo der Schwabenpfeilmit seinem Mercedes Tuning gegen das Jaguar-Mk2-Team Peter Lindner / Peter Nöcker den chrom glänzenden Kühler vorn behielt. Puristen rümpfen verächtlich an dieser Stelle die Nase: Natürlich fuhr der 300 SE – der in wirklich jedem damals nicht mit dem mächtigen Zusatzscheinwerfer, der wie ein Zyklopenauge mitten vor den Kühler montiert ist. Er beleuchtete den Rallyefahrern nur bei Rallye-Einsätzen den richtigen Weg – bei Rennen auf der Rundstrecke blieb er im Regal.

Doch nach über 25 Jahren stellt der blaue 300 SE, das letzte verbliebene Mercedes Oldtimer Exemplar seiner Gattung dar. Von einer ”Armada” von vier Fahrzeugen ist nur noch dieser eine intakt geblieben – und der präsentiert sich eben im Rallye-Look.

Im Cockpit und auch unter der Motorhaube gab es damals keinen Unterschied zwischen Rallye und Rennen.

© Motor Klassik 1990
Autor: J. Klostermann v. wupdes.de