Youngtimer

Das Renntaxi… ein besonderer Mercedes Youngtimer

Ganz so unsportlich, wie manche heute vielleicht glauben, war der Chrom -Benz zu Bauzeiten eigentlich nicht. Vor allem im Rallye-Sport verdiente der heute in die Klasse der Mercedes Youngtimer gehörende PKW sich einen guten Ruf.. Aber auch im Langstreckenpokal sichtete man seinerzeit das eine oder andere 123-Coupé. Doch erst die DTM-190er sorgten ab Mitte der 80er Jahre für denn sportlichen Durchmarsch.

Der Baby -Benz verjüngte die Marke und drängte das Hut –und -Hosenträger-Image fast komplett aus dem kollektiven Unterbewusstsein. Ganz anderes sah es freilich im Taxigewerbe aus. Denn da waren die Fahrzeuge nicht erst seit dem Strich-Acht eine feste Diesel-Bank aus schwäbischer Hand. Nur am Anfang trauten die Taxler dem 123 nicht so recht über den Weg und orderten fleißig den Strich-Acht, den Daimler so fast noch ein Jahr parallel zum Nachfolger baute. Das lag aber wohl auch an den anfangs astronomisch langen 123-Lieferzeiten. Taxi – Diesel – Mercedes, diesen lange gültigen Dreiklang kannte jedes Kind, und das führte auch zum eingangs erwähnten Spruch. Gerade dieses Fahrzeug zählt heute zu den beliebtesten Mercedes Youngtimer.

Doch Hobby-Sportler sahen 123-Potenzial. So baute sich Liebhaber schon vor fast zwanzig Jahren ein 280 CE aus der Mercedes C Klasse, als Gruppe-2-Spezialrenntourenwagen auf und fahren damit seit 1991 Slalom, Bergrennen oder Langstreckenrennen auf der Nordschleife. Und da Motorsport Teamwork ist, fand sich im Laufe der Jahre eine Truppe rund ums gemeinsame Hobby zusammen – viele davon auch im Verein für Freunde des W 123 e.V. organisiert.

Kurzum: Mercedes Youngtimer 123-Verrückte.

Beim ADAC “Chevy” Egons500 wollten Uwe Pfaar und Teamfreund Rainer Bloemacher heuer zusammen starten.

“Ich wollte aber nicht riskieren, seinen 911er dabei zu beschädigen, und er wiederum fürchtete um mein schwarzes Coupé”, so Uwe Pfaar. Ein gemeinsames Projektauto musste her. Das sollte zunächst ein quasi funkelnagelneuer 190 E von 1987 sein, “auch ganz bewusst kein 123. Es sollte was anderes werden als mein Coupé. Doch Mercedes hatte zwar damals fast alle W 123 für den Motorsport homologiert, aber keinen einzigen W 124 und vom 201 nur die Sechzehnventiler.” Somit verkauften sie den 190er und suchten passenden Projekt-Ersatz. Den fanden sie in einem Scheckheft -gepflegten Ersthand-280-E aus der Mercedes E Klasse von 1984 in “Silberdistel”. Da sich der Knapp 50.000 Kilometer alte und praktisch rostfreie 123 auch ansonsten makellos präsentierte, konnte der Umbau dieses Mercedes Yougtimer beginnen. “Man hat mich mit immer mit dem Taxi-Spruch aufgezogen, da haben wir uns in einer Bierlaune gesagt: Wenn schon Taxe, dann aber konsequent.”

Da ein Straßenzugelassener Rennwagen entstehen sollte, fielen die Modifikationen recht moderat aus. Aber auch, damit die Kosten überschaubar blieben. “Denn ich bezahle heute mehr für so ein 500-km-Rennen als für ein VLN-24h-Rennen Anfang der 80er”, weiß Pfaar.

So entnahmen seine Freunde und er zunächst die Sitze und die hinteren Polster, um einen Käfig einzuschrauben. Für den Fahrerschalensitz mussten sie passende Konsolen mit einem erweiterten Einstellbereich bauen, “weil wir zu dritt fahren und alle unterschiedlich groß sind”. Die Beifahrersitzkonsole blieb serienmäßig. “Wir sind ein Team aus ganz verschiedenen Leuten mit unterschiedlichen Stärken”, sagt Uwe Pfaar über die “Renngemeinschaft 280″. “Alle, die sich ins Team einbringen – sei es mit Arbeit, Geld oder Sachleistungen -, erwerben sich dadurch das Recht, mit dem Wagen bei eigenen Veranstaltungen wie Gleichmäßigkeitsprüfungen und Orientierungsfahrten zu starten oder sich ihn einfach nur mal am Wochenende auszuleihen, eine andere Art eines Mercedes Treffen.

Das sollte nie nur das Auto `vom Rainer` oder `vom Uwe´ sein, sondern das Team-Auto”, erklärt Pfaar die Philosophie der Renngemeinschaft 280. Das 185 PS starke Herzstück blieb unverändert: “Wir haben nur die Kompression geprüft und das Ventilspiel korrigiert. Allerdings nehmen wir für 500-Kilometer-Rennen den Luftfilter heraus.” Eine Eigenbau-Edelstahlauspuffanlage hatten Freunde gebaut. “Die hört sich aber ganz leise an, gar nicht wie ein Rennauto – aber ist ja auch ein Taxi”, freut sich Pfaar. Ein Ziel war es, auch möglichst viel Substanz vom 123 erhalten zu können, eine etwaige Rückrüstung sollte nicht unmöglich werden. Um die Öffnungen für die Sicherheitsverschlüsse und den Not-Aus-Schalter bohren zu können, tauschten sie deshalb die Motorhaube und den Heckdeckel aus, denn “es wäre eine Sünde gewesen, in die quasi neuen Hauben zu bohren”. So durchlöcherten sie gebrauchte Hauben aus dem Internet. ”

Unser Freund Frank Bondzio mit eigener Kfz-Werkstatt konnte mit seinen guten Beziehungen spezielle H&R -Federn bekommen, da sind wir vorher nichts drangekommen. Spezielle Mercedes Gebrauchtwagen stehen leider nicht an jeder Ecke.

“Die progressiven Federn zusammen mit verstellbaren, ab Werk modifizierten Bilstein-Stoßdämpfern sorgen im Zusammenspiel mit Yokohama-Semi-Slicks seither für guten Pistenkontakt. Die Serienhöhe blieb aber erhalten, “auch der Optik wegen”. Die etwas stärkeren Stabilisatoren stammen vorne aus einem T-Modell und hinten aus einen Leichenwagen.

Um dann, bei diesem Mercedes Youngtimer doch etwas beherzter zupacken zu können, wechselte Pfaar größere, innenbelüftete W-116 -Bremsscheiben ein. Was aber wäre ein Taxi in “Distelgrau”? Um den Original -Lack zu schonen, sorgte hier eine beigefarbene Beklebung der Firma Sturmfolientechnik aus Recklinghausen für Abhilfe. Zeitgenössische Repro -Sticker aus den 80ern wie “Zieh´ mit, wähl´ Schmidt”, “Ein Herz für Kinder” oder ein Hufeisen am Grill ergänzen das Retro -Feeling. Um einen klassischen Diesel -Look zu kreieren, baute Pfaar die ab ´82 serienmäßig für alle 123 obligatorischen Breitwandscheinwerfer aus. Seither glubschen die “Ochsenaugen” der kleineren beziehungsweise der Diesel-Modelle auf die Straße. zudem prangt neckisch ein “Diesel” -Schild von der Heckklappe. Nicht ganz so weit hergeholt, denn “der 240 D und der 300 D wurden ja homologiert, doch wir wollten es dann doch nich auf die Spritze treiben”, so Pfaar.

Das Taxi -Schild und eine große Taxi -Antenne verkniff man sich aber freilich nich. Letzteres ist übrigens nicht nur Zierde, denn einige CB -Funker im Team bauten damit eine Boxenfunkanlage. Vom TÜV abgesegnet, ging´s acht Monate später zur Feuertaufe, der Gleichmäßigkeitsprüfung (GLP) auf die Nordschleife zum Mercedes Treffen. Da kämpften die Fahrer mit dem typischen Eifel -Wetter – und mit den Kontrolleuren an der Fahrerlager -Einfahrt: “Ins Fahrerlager, mit dem Ding? Der Taxiparkplatz ist da hinten!” hieß es da. Zwar noch ungläubig, ließ man sie aber doch passieren. “Die Taxe bewährte sich hervorragend. Die Bremse war top, und das minimal übersteuernde, aber extrem gutmütige Fahrwerk lag überirdisch gut”, so Pfaar.

Premiere geglückt. Das Egons am 23.Mai hielten die Rennkommissare das Taxi -Schild dann zwar doch für so etwas ähnliches wie groben Unfug. Für die obligatorische Heldenrunde am Donnerstag, wo die Fans auf der Piste hautnah mit den Fahrern feiern können, gab man aber dennoch das Okay. “Außerdem wollten wir das Team ja wirklich ernsthaft Rennen fahren und nich das Taxi -Schild präsentieren.” Beim Egons konnten jedoch nur Pfaar und Bloemacher starte, “weil nur wir zurzeit entsprechend lizenziert sind”. So machte man Chefmechaniker Stefan Schillings ohne notwendige C-Lizenz aber die Freude, den Wagen komplett in Rennmontur immerhin in die Startaufstellung fahren zu dürfen. Dann übernahm Pfaar. Dass freilich mit einem serienmäßigen 123 nichts um die vordersten Plätze gefahren werden konnte, stand der Team -Philosophie “Fahren aus Spaß und schweißt zusammen – Pokale gibt´s aber eben nur, wenn andere ausfallen”, schwärmt Pfaar. Dieser Tag war ein Erlebnis für alle, die gerne einmal Mercedes Bilder der anderen Art schießen wollten.

Das Reglement der Gruppe A erlaubt unter anderem teure Eingriffe in Motor, Karosserie oder Antriebsstrang. Doch das Duo Pfaar/Bloemacher blickt zusammen auf fast 60 Jahre Motorsport zurück und ist auch mit serienmäßigen Autos sehr schnell unterwegs. Und gerade ein Mercedes -Taxe, die sich recht lange im Rückspiegel halten kann, kratzt wohl auch ein wenig am Selbstbewusstsein einiger Fahrer wesentlich stärkerer Boliden.

Aber trotzdem: “Man muss akzeptieren, dass man mit solchen Autos hinterherfährt. “Als Letzter in der Klasse mit einer Bestzeit von 12:06 min gestartet, kamen die Taxler als Vorletzte im Ziel an. Ja, genau, der letzte ist ausgefallen – doch Zuverlässigkeit ist im Rennsport eben schon die halbe Miete. Ganz reibungslos ging´s aber nicht um den Ring. Drei Runden nach dem Start fiel Pfaar ein Leistungsverlust auf. Auch Kollege Bloemacher musste sich nur einige Zeit nach dem Fahrerwechsel ebenfalls damit herumplagen. Taxifahrer Pfaar trug den Einsatzwagen dann über die Ziellinie. Erst nach dem Rennen machte das Team den verstopften Treibstofffilter als Ursache aus. Seither läuft der Taxibetrieb reibungslos, und das ´09er Egons ist fix im Terminkalender eingetragen. Aber auch bei GLPs, Slaloms oder sonstigen Events beweist die rund 15 -Köpfige Mannschaft eindrucksvoll, dass Hobby -Motorsport nicht nur Spaß macht, sondern auch finanzierbar bleiben kann.

Artikel v. J. Klostermann von wupdes.de